• Das Christkind

    Luther war ein erklärter Gegner der Heiligenverehrung, die gibt’s in der Bibel nicht – deshalb setzte er sich spätestens 1535 dafür ein, dass der Brauch des Beschenkens am Nikolaustag (6. Dezember) ersetzt wurde durch Beschenken am Geburtstag des Herrn (24. Dezember). Dafür erfand er eigens die Kunstfigur des Christkinds, von dem bis heute keiner weiß, was für ein Wesen das eigentlich ist. Aufgetaucht ist der Nikolaus dann in gewandelter Gestalt im 19. Jahrhundert als Weihnachtsmann (Santa Claus).

  • Das ‚historische‘ Paradies

    Das Paradies wird in der Bibel – und das ist schließlich die einzige schriftlich überlieferte Quelle – vergleichsweise kurz beschrieben: Es sei ein Garten mit allen möglichen Bäumen, köstlich zum Anschauen und schön zur Speise“ gewesen, mitten im Garten der „Baum des Lebens“ und der „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“. Und ein Strom würde dort entspringen, der sich später in vier Flüsse teilt, von denen zwei – nämlich Tigris und Euphrat – noch heute bekannt sind. Adam, im christlichen Verständnis der erste Mensch auf Erden, musste den Garten bearbeiten und behüten und hatte darüber hinaus noch die Aufgabe, die dort versammelte Tierwelt, also „alles Getier des Feldes und alle Vögel des Himmels“, mit Namen zu versehen. Adam und seine Frau Eva wurden dann, weil sie trotz strengen Verbots einen Apfel vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten, aus dem Paradies vertrieben – nicht
    etwa, weil es eine Sünde war, sondern um zu verhindern, dass sie auch noch vom „Baum des Lebens“ essen und damit unsterblich würden…

  • גן עדן – das jüdische Paradies „Gan Eden“

    Man unterscheidet in der jüdischen Tradition ein urzeitliches, ein zwischenzeitlich verborgenes und ein sogenanntes endzeitliches Paradies. Das urzeitliche ist der biblische Garten „Eden“ (hebräisch „Wonne“, „Liebeslust“), der heiligste Teil der Erde, an dem der Mensch geschaffen wurde und in dem Friede, Fruchtbarkeit und Unsterblichkeit herrschte, dort würden – am
    Ende der Zeiten – dann auch die Seelen der Gerechten wohnen. Bis dahin gibt es, gewissermaßen als Zwischenstation, ein gegenwärtiges, verborgenes Paradies am äußersten Rand der Erde oder im Himmel.

  • Das Paradies ist überall

    Wie so viele als Luther-Zitat kursierende Sätze ist auch dieser wohl nie genau so von dem großen Reformator gesagt worden. Allerdings kommentiert er einmal einen Bibel-Text mit den Worten „das gantz hymel und erde eyn new paradis seyn wird“, und schriftlich festgehalten ist, dass er bei seinen berühmten Tischreden gesagt hat: „Der Welt Gestalt und Ansehen ist wie ein Paradies“. Das sind vermutlich die Passagen, die irgendwann einmal zu der griffigen Formulierung „Das Paradies ist überall“ verkürzt wurden.

  • Das Wochenbett

    Eine Pause vom Alltag konnten sich im ausgehenden Mittelalter nur reiche Schwangere leisten, alle anderen mussten mit einer vergleichsweise kurzen Unterbrechung ihrer täglichen errichtungen zurechtkommen. Luther, für den alle Schwangere gleiches Recht haben sollten,
    forderte für „Sechswöchnerinnen“ – wie er sie nannte – den Anspruch auf eine Art Auszeit nach der Geburt eines Kindes. Der Begriff „Wochenbett“ hat vermutlich darin seinen Ursprung.

  • Denkmalschutz

    Als im Zuge der Reformation einige „Schwarmgeister“ begannen, die Ausstattung der Kirchen zu zerstören, kam Luther eigens von der Wartburg nach Wittenberg und predigte: „Besser als alles zu zertrümmern ist, die Menschen mit Worten von dem neuen Glauben zu überzeugen“.

  • Die Verortung des Paradieses

    Seit beinahe 2000 Jahren stellen Christen das Paradies auf Landkarten dar. Sie alle beziehen sich auf ein ganz bestimmtes Gebiet, nämlich dem Garten Eden, wie er im Buch Genesis im Alten Testament beschrieben ist. Das Buch, mit dem die biblische Geschichte von Juden und Christen beginnt, wurde vor fast 3000 Jahren verfasst und enthält eine Fülle von mündlichen
    Überlieferungen, die über Hunderte von Generationen weiter gegeben wurden und die nur vage andeuten, wo dieser Garten gelegen haben könnte – eine über Jahrhunderte erstreckende Herausforderung für Historiker und Kartografen. Die älteste erhaltene Landkarte, in der das Paradies eingezeichnet ist, stammt aus dem 8. Jahrhundert und wird im Vatikan aufbewahrt.

  • Dschanna – der himmlische Garten des Islam

    Der Islam kennt die Idee des irdischen Paradieses nicht, hier ist der Himmel das Paradies und der Aufenthaltsort der Auserwählten nach dem letzten Gericht. Der Paradiesgarten Dschanna ist mit kostbaren Teppichen und Kissen ausgestattet, in den Bächen fließen Milch und Honig,
    schöne Jungfrauen und junge Knaben servieren erlesene Speisen und Getränke. Radikalislamisten locken mit dieser Vorstellung vom himmlischen Paradies – ‚Märtyrer‘ würden mit 72 Jungfrauen und Plätzen für 70 Familienmitglieder belohnt –, manche Geistliche mahnen jedoch, dass Selbstmord zu den „großen Sünden“ zählt und darauf der sich ewig iederholende Tod steht...

  • Ehescheidung

    Die Ehe war in der Vorstellung der herrschenden Kirche ein Sakrament, das zu Lebzeiten nicht aufgelöst werden konnte. Luther fand in der Bibel keinen Hinweis darauf, deshalb sind (protestantische) Ehen nach seiner Auffassung „ein weltlich Ding“, die zwar mit der Bitte um den Segen Gottes geschlossen werden, aber durchaus auflösbar sind.

  • Geflügelte Worte

    Um die Bibel in eine allseits verständliche bildhafte Sprache zu übersetzen, schöpfte Luther etliche neue Worte und Wendungen von „Lästermaul“ bis „Nächstenliebe“, von „Schandfleck“ bis „Lückenbüßer“, von „imDunkeln tappen“ bis „sein Licht unter den Scheffel stellen“.

  • Schulen

    Alle sollten (die Bibel) lesen können. Dazu wurden im Zuge der Reformation sogenannte Katecheten eingesetzt, die die Kinder der Ärmeren täglich früh morgens in der Kirche versammelten und ihnen das Lesen in drei Stufen beibrachten: 1. Buchstaben, 2. Grammatik, 3. Latein. Zur Kontrolle wurden Anwesenheitsbücher geführt.

  • Pfarrersfamilien

    „Um aber Unzuchtsünden zu vermeiden, soll jeder seine eigene Ehefrau und jede Frau ihren Mann haben“, so steht es im Neuen Testament, und Luther meinte, das müsse man – wie alles in der Bibel – wörtlich nehmen („sola scriptura“), das Zölibat abschaffen und die Priesterehe eher befördern als verhindern.

  • Populäre Musik

    Die herkömmliche Kirchenmusik war für Luther ein Gräuel, „die Orgel plärrt und schreit“, fand er, und Pauken und Trompeten würden wie „himmlisches Feldgeschrei“ klingen. Er, selbst ein begnadeter Lautenspieler, komponierte an die 40 neue Kirchenlieder, teils nach eigenen Texten, von denen die meisten heute noch im evangelischen Gesangbuch zu finden sind.

  • Sozialhilfe

    Nach der Auflösung der Klöster im Zuge der Reformation prägten umherziehende Bettelmönche häufig das Bild mittelalterlicher Städte. Luther regte an, dass sich jede Stadt um ihre eigenen Armen kümmern sollte und fing damit in Wittenberg an. Unterstützt von den Händlern und Kaufleuten der Stadt stellte man in der Kirche eine große Sammelbüchse auf. Dieser „gemeine Kasten“ hatte vier Schlösser und jedes Schloss wiederum einen eigenen Schlüssel. Die Ratsherren bestimmten dann, wer das Geld bekam. Andere Städte folgten diesem Beispiel.

  • Universitätsreform

    Luthers Freund Philipp Melanchthon hat als Rektor der Universität Wittenberg neben der Ausbildung in den klassischen Fächern Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik die humanistische Bildung befördert – Geschichte, Poesie und alte Sprachen. 

  • Weihnachtslieder

    Alle Lobeshymnen auf die Geburt Christ waren zu Luthers Zeiten auf Latein und damit von den meisten Leuten nicht mit der gebotenen Innigkeit zu singen. So schrieb der Meister selbst eine Reihe von Weihnachtslieder, von denen etliche heute noch in Gebrauch sind – das bekannteste:„Vom Himmel hoch da komm ich her“.

  • Weltkulturerbe „Garten Eden“

    Die Wissenschaftler sind sich weitgehend einig: Die Paradiesgeschichte aus der Bibel und die zum Teil viel älteren Überlieferungen in anderen Kulturkreisen und Religionen haben einen realen Kern! Am Ende der letzten Eiszeit, also vor rund 11 000 Jahren, gab es im Grenzgebiet zwischen dem heutigen Iran, dem Irak und der Türkei einen kulturellen Umsturz mit weitreichenden Folgen. Die steinzeitlichen Jäger und Sammler wurden sesshaft und begannen Schafe und Ziegen zu züchten, erfanden Hütten und Betten und irgendwann auch den Kochtopf aus Keramik. Die Gegend, in der dieser paradiesisch anmutende Aufbruch stattfand, wird im südirakischen Al-Ahwar-Marschland vermutet und steht seit 2016 auf der UNESCO-Welterbeliste.

  • Wie alles anfing...

    Vor 3000 Jahren – so alt ist das Wort „Paradies“ schon – bezeichnete man damit auf dem Gebiet des heutigen Iran einfach nur ein eingezäuntes oder ummauertes Stück Land. Über die Perser und die Griechen kam das Wort später in den hebräischen Sprachraum, dort bedeutete es schon „Obstgarten“ oder „Park“. Die frühen Christen verstanden darunter dann einen himmlischen Ort der Glückseligkeit. Und dass es auch ein glückseliger irdischer Ort sein kann, wissen wir spätestens seit Martin Luthers Tischreden: „Der Welt Gestalt und Ansehen ist wie ein Paradies“. Auch heute ist das Paradies der Sehnsuchtsort schlechthin – das Internet verzeichnet allein zum Stichwort „Einkaufsparadies“ 130.000 Einträge. In beliebigen Zusammensetzungen („Sockenwolle-Paradies“) bringt es das Paradies auf stolze 18,5 Millionen Einträge.

  • Abschaffung von Privilegien

    Im Zuge seiner Bibelübersetzung wendet sich Luther gegen die Vormachtstellung des Klerus – mit Sprüchen wie „Jeder Mensch hat irdische Pflichten“ oder mit der Feststellung, dass der Bauer genau so wertvoll sei wie ein Bischof, „wenn jeder seines Handwerks Amt und Werk ausführt“.

  • Selbstbestimmung

    In seiner für die Reformation wohl wichtigsten Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ wehrt sich Luther gegen die Vorhaltungen des Papstes. Viel zitiert die Stelle über den freien, selbstbestimmten Menschen: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“

  • Einheitliche Sprache

    Als Luther die Bibel übersetzte, gab es in Deutschland (das es so natürlich noch nicht gab) rund 20 verschiedene Sprachvarianten. Die von ihm gefundene Schriftsprache, angelehnt an die obersächsische Kanzleisprache, verwendete anschauliche Begriffe aus allen möglichen Regionen, und durch den gerade aufblühenden Buchdruck wurde diese einheitliche Sprache schnell und weit verbreitet.